70 Jahre Judo in Halberstadt

Die Zeiten eines legendären Trainer Heidrich sind lange vorbei, doch die Legende lebt fort und Judo gibt es in Halberstadt immer noch.
so wurden letzte Woche 70 Jahre Judosport in Halberstadt gefeiert mit alten und jungen Gesichtern, mit aktiven und Ehemaligen, die durch die Halberstädter Judoschule gingen.

Obwohl Judo eine olympische Disziplin ist und dazu die härteste Qualifizierungssportart überhaupt und viele Kinder, Jugendliche und Erwachsene in Vereinen bindet, agiert diese japanische Kampfsportart im Vergleich mit den Ballsportarten eher „im Verborgenen“. Dass Öffentlichkeit nicht nur den Sportlerinnen und Sportlern, sondern auch ein großes Publikum begeistert, bewies die Jubiläumsveranstaltung „70 Jahre Judo Halberstadt“. Mit einer mehrstündigen Show begeisterten die Halberstädter Judoka und ihr befreundeter Vereins SG Blau-Weiß 1923 Gerwisch die zahlreichen Besucher in der Sporthalle des Freizeit- und Sportzentrums (FSZ) in Halberstadt.

Bevor nach dem Einzug der Judokas mit Maskottchen Yoko an der Spitze die sportliche Show startete, blickte Germanias Stadionsprecher Bernd Waldow zurück auf sieben Jahrzehnte Judo in der Domstadt mit einer reichen Tradition, einer wechselvollen Geschichte und vielen sportlichen Erfolgen. Sie begann 1954 mit der Gründung der von „Heini“ Schneppmüller geleiteten ersten Trainingsgruppe bei der BSG Lokomotive Halberstadt, die leider kaum Unterstützung durch den Verein erfuhr. Schneppmüllers Hartnäckigkeit war es zu verdanken, dass die Judo-Gruppe 1955 an den Bezirksmeisterschaften teilnahm. Der erste Erfolg kam zwei Jahre später, als Dieter Blank in der Gewichtsklasse bis 50 kg den ersten Jugend-Bezirksmeistertitel holte. Und 1964 erkämpfte sich Axel Reding in der Altersklasse U 17 den ersten DDR- Meistertitel für die BSG Lok. Inzwischen war Schneppmüller weggezogen und durch Paul Lasmanowicz eine weitere Judo-Abteilung bei der Sportgemeinschaft Dynamo gegründet worden.
Eine sehr erfolgreiche Judokarriere startete Bernd Looks 1963. Er erkämpfte in den Folgejahren zahlreiche Meistertitel, wurde DDR-Meister, gewann die Dutch Open in den Niederlanden, nahm an den Weltmeisterschaften 1973 in Wien teil und qualifizierten sich nit der Bronzemedaille für die Teilnahme an den Olympischen Spielen.
Leider wurde ihm aufgrund der damaligen politischen Situation die Teilnahme verwehrt.
Bernd Look gilt heute als der bisher erfolgreichste Judoka in der Geschichte des Halberstädter Judosports.
Erinnert wurde an das legendäre Neujahrsturnier, das einst von der SG Dynamo Halberstadt organisiert wurde und einen festen Platz im Kalender des deutschen Judosports bekam. Zwischen 1984 und 1989 fanden sechs Neujahrsturniere in der Sporthalle “Völkerfreundschaft” statt. Bis zu 40 Vereine und 250 Judokas nahmen an den Turnieren teil. Die Halberstädter gewannen viermal den Wanderpokal.

Zur Wende wurde der Polizeisportverein gegründet, bald darauf vereinten sich die Judokas im VfB Germania und nutzen seit 2001 ihre moderne Trainingsstätte im FSZ.

Waldow verwies auf viele Geschichten aus der Halberstädter Judofamilie, die alle mit Menschen verbunden sind, die trotz einigem Auf und Ab in den Jahrzehnten alles dafür getan haben, den Judosport aufrecht zu erhalten. Für alle, die noch tiefer in die Historie eintauchen möchten, empfahl er die über 500 seitige Judo-Chronik, die Nadine Duve mit Unterstützung von Holger Henschel erarbeitet hat.

Der Präsident des Judoverbandes Sachsen-Anhalt, Dr. Frank Schiller, verfolgt die Entwicklung des Halberstädter Judosports seit Jahren und bescheinigte der Abteilung, die seit 1994 von Holger Henschel geleitet wird, eine hervorragende Arbeit. Germania-Präsident Erik Hartmann verwies auf viele Möglichkeiten, sich im Verein sportlich zu betätigen und gratulierte Henschel, der mit seiner Abteilung in den vergangenen Jahren sehr viel erreicht habe.

Oberbürgermeister Daniel Szarata nannte die Judoka eine verschworene Gemeinschaft und würdigte, dass nicht nur sportlich große Leistungen erbracht, sondern auch Werte wie Selbstdisziplin, Freundschaft, Wertschätzung, Höflichkeit, Ehrlichkeit, Respekt und Demut vermittelt und gelebt werden. Werte, die für das gesellschaftliche Zusammenleben insgesamt wichtig seien.

Wolfgang Blank, der mit seinem erfolgreichen Bruder Dieter in den 1950ern zum Team zählte, war extra zum Jubiläum angereist, um einen riesigen Erinnerungspokal an die Abteilung zu übergeben.

Für die Witwen von vier viel zu früh verstorbenen Trainern gab es Blumen von LandesTrainer Mike Kopp und Holger Henschel. Letzterer betonte, dass „der Judosport in Halberstadt nicht wäre ohne die Unterstützung der Eltern“. Er ehrte Nadine Duve, die für die Chronik und die kleine Ausstellung verantwortlich zeichnete und viel organisatorische Arbeit bei der Vorbereitung und Umsetzung des Events leistete, und Kirsten Jäger-Karthaus. An den Abteilungsleiter gerichtet, sagte Waldow: „Danke, dass Du ein Vorbild in unserer Mitte bist.“

Das sportliche Geschehen wurde bestimmt durch die Auftritte der Anfänger- und später der Fortgeschrittenengruppe aus der Judoabteilung, die derzeit ca. 30 aktive Judokas – größtenteils Kinder – angehören. Auf dem großen Matten-Geviert ging es los mit spielerischen Einheiten, die später in kleine Wettkämpfe mündeten und alle Akteure zum Schwitzen brachten. Es folgten verschiedene Wurftechniken und Griffe und verschiedene Techniken mit Trainingspartnern. An dem Programm beteiligten sich auch die Sportler vom Gerwischer Verein.

Im Dezember 2022 wurde den Trainern Holger Henschel und Mike Kopp für ihre Verdienste vom Ehrenrat des Deutschen Judobundes der 6. Dan verliehen, optisch auszumachen durch einen rot-weißen Gürtel. Die Judo-Kinder marschierten mit einer weißen und einer roten Fahne ein und führten auf der Matte die Geschichte auf, die sich im Mittelalter während des Genpei-Krieges in Japan ereignete und symbolhaft für den zweifarbigen Gürtel steht.

Ein weiterer Höhepunkt war die Vorführung eines Trainingspaares, das sich auf die 5. Dan-Prüfung vorbereitet. Es demonstrierte mittels der Übungsform Kata die stilisierte Form eines Kampfes, bei der Verteidigung, Angriffe und Gegenangriffe in festgelegter Folge und Ausführung geübt werden.

Mit dem Zwischen- und Schlussapplaus für alle Darbietungen dieser mehr als dreistündigen Show belohnte das Publikum alle Beteiligten. Bevor die Auslosung der Sachpreise für die Spendenaktion startete, deren Erlös zur Anschaffung neuer Judomatten verwendet werden soll, schnitt Holger Henschel die Jubiläumstorte an.

Am Abend trafen sich rund 170 Gäste – aktive und ehemalige Judoka sowie Freunde des Judos – zur festlichen Jubiläumsfeier. Bei einem gemütlichen Beisammensein wurde in die Vereinsgeschichte eingetaucht und sich über gemeinsame Erlebnisse mit und in der Halberstädter Judofamilie ausgetauscht.

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